#006 – Carsten Bülow | Club-Manager vom Matrix & The Grand, DJ & Chartstürmer

Sep 10, 2020 | Interview, Kultur

Aktuelle Episode in Worten

Interview mit Carsten Bülow: DJ-Größe und Clubmanager des Matrix

 

Die Themen dieser Folge im Überblick:

  • Der bescheidene Partykönig über sich und sein “Königreich” Berlin (ab Minute 0:30)
  • Wie er ganz früh Blut geleckt und Kontakte geknüpft hat (ab Minute 6:20)
  • Wenn ihr wissen möchtet, was wir am liebsten sammeln, hört rein. Platten sind es nämlich nicht. (ab Minute 10:00)
  • Wenn´s läuft, dann läuft´s. Und auf einmal war er Clubmanager. (ab Minute 13.45)
  • Party, Berlin, Matrix: das Bermuda-Dreieck (ab Minute 18:15)
  • Wolfgangs Gossip-Sucht wird in den Ansätzen gestillt, Carsten rückt mit einer Story-Perle heraus (ab Minute 22:00)
  • Außer “wir sind alle am Arsch” hat Carsten aber noch einiges weiteres zur Corona Situation zu sagen. (ab Minute 29:00)
  • Ein Mann der Taten. Unterstützung und Zusammenhalt. Save the rave! (ab Minute 44:30)

Let´s introduce: Carsten Bülow!

Der Ur-Berliner (geboren 1980) weist die Betitelung “Partykönig” entschieden von sich (“Da gibt’s schon noch ein paar Krassere”). Ganz so bescheiden kann er allerdings gar nicht sein, sonst wäre er heute nicht da, wo er ist. Aber dazu später mehr. Wolfgangs Frage, was er an Berlin am meisten schätzt, beantwortet er gut gelaunt und voller Überzeugung, er habe quasi alles von Deutschland und co. gesehen, aber “nirgends ist die Vielseitigkeit so groß wie in Berlin.” Verbesserungsvorschläge für die Stadt? Seiner Meinung nach tue der Staat nichts gegen bzw. FÜR das Nachtleben. Spätis und Shisha-Bars ersetzen die “richtigen” Bars, so entstehe ein finanzielles Ungleichgewicht. Klar, das Berliner Motto ist “arm, aber sexy”. Aber was wäre Berlin ohne die unendliche Vielzahl von Bars und Clubs? Eben, deswegen lieber mal einen Drink weniger, dafür aber in der Lieblingsbar statt am Späti.

Vom grundsoliden Bauzeichner zum bunten Hund

Kaum zu glauben, aber wahr: der “Selfmade-DJ” und Veranstaltungs-King hat zuvor eine Ausbildung zum Bauzeichner gemacht- und in dem Beruf auch tatsächlich vier Jahre gearbeitet. Aber WIE kommt man dann vom Bau(zeichner) in den Club? “Ich habe früh mit Älteren abgehangen, Privatparties veranstaltet und Blut geleckt.” Man kennt´s. Allerdings war er zu dem Zeitpunkt gerade mal 16, fing an, selbst aufzulegen. Offen und ehrlich gibt er zu, er sei nicht der beste DJ gewesen, aber (und das ist in der Szene viel ausschlaggebender): Vitamin B. Er kannte sich aus, kannte die richtigen Leute, Locations und und und. Ende der 90er (etwa ´97) war er zum ersten Mal Resident im “Sophienclub” am Hackeschen Markt.

Wenn die kleinen Deals im Plattenladen zum Sprungbrett werden

Während Carstens Keller natürlich bis oben hin voll mit Platten gestopft ist, haben wir noch nie imLeben eine einzige Platte oder CD gekauft. Auch schön, jedem das Seine. Oder um Carrie Bradshaw aus “Sex and the City“ zu zitieren: “Ich will mein Vermögen haben, wo ich es sehen kann: zu Hause in meinem Kleiderschrank.“ Und man kann es nicht oft genug betonen: it´s all about Vitamin B. Seine Jugend verbrachte der Selfmade-DJ natürlich oft in Plattenläden; der ideale Ort, um Menschen kennenzulernen und dem ein oder anderen Plattenladenbesitzer zu helfen, was ihm wiederum nicht nur gutes Karma, sondern darüber hinaus auch wertvolle Connections brachte.

Autodidaktisches Allround-Selfmade-Talent

Da Carsten irgendwann keine Geduld mehr hatte, immer doch noch auf einen Grafiker oder Promoter angewiesen zu sein, fing er an, einfach das Meiste komplett selbst zu machen. In der Nava-Lounge (laut eigener Aussage “das gehobene Matrix”) ergatterte er seinen ersten Clubmanagerjob. Zufall, Schicksal oder Können? Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. “Ich hab da angefangen und es hat einfach funktioniert.”

Berlin und das Matrix: bekannt und gefeiert bis nach Afrika

2005 nahm Carsten an einem DJ-Contest teil, gewann deutschlandweit und flog zum Finale nach Afrika. Sogar dort waren das Matrix und Berlin als Party-Mekka in aller Munde. Aber was genau ist der Club für die Hauptstadt? Viele, die zum Beispiel im Berghain abgewiesen werden wegen der willkürlichen Türpolitik, nahmen das Matrix als nächste Anlaufstelle- auch aufgrund der lokalen Nähe zueinander. So kam es zum gewissen Image als DER “Touri-Laden”.

Story- und Coronatimes. Der traurige Niedergang der Clubkultur

Wolfgang ist wie immer neugierig und ganz wild auf ein Schmankerl aus Carstens Leben in der Clubwelt (müsst ihr euch anhören!). Neben ver(w)irrten “Technoatzen” kam der Club aber auch in den Genuss von hohem Besuch, unter anderem feierten sogar schon die Backstreet Boys dort. Schrei- und Schlüpferwerf-Alarm for sure! Aber auch hier ist damit seit März Schluss, Coronatime got all of us. Mit seiner spontanen Aussage zu der Lage “Wir sind alle am Arsch”, spricht uns Carsten wohl allen aus der Seele. Die Clubs haben keine Perspektive, die Hilfe von Oben reicht nicht aus, viele orientieren sich anderweitig. Wer denkt, die Bars, die wieder geöffnet haben dürfen, seien die “Gewinner” der Situation, hat sich geschnitten. “Die guten kommen bei plus/minus Null raus.” Autsch. Als in dem Zusammenhang das Thema Loveparade aufkommt, sind die Drei sich einig: Die riesen Party (übrigens nie als Party, sondern immer als Demonstration angemeldet) war prägend und die Abschaffung ein großer Verlust für die gesamte Clubkultur Berlins. Das Klagelied hierzu und das Motto der allerersten Loveparade könnt ihr im Podcast nachhören!

Ein Hilfeschrei von den Clubs und DJs- für die Clubs und DJs

Mit dj.de hat Carsten eine Plattform ins Leben gerufen, die unterstützend wirken soll für alle, die ins Nachtleben beruflich involviert sind. Verwirrung, Unübersichtlichkeit und Unsicherheit macht es vielen schwer, sich Hilfe zu organisieren. Die Plattform soll eine Art Gelbe Seiten für DJs sein und ihnen unter die Arme greifen. Der Partyprofi sagt abschließend etwas weises und irgendwie auch verbindendes: “Unser Problem ist nicht das Virus, sondern die Angst.” Deshalb gilt auch in dieser Branche, wie überall anders auch: Helfen, Unterstützen und somit etwas die Angst und Unsicherheit nehmen. Bevor es jetzt allzu emotional wird (ich bin schon ganz gerührt), die finale Frage, wen Carsten gerne im HAUPTSTADTPODCAST sehen bzw. hören würde. Jemanden, der Berlin bewegt, voran bringt und der Einfluss hat: Olaf Kretschmer. Denn “der macht was für die Musik”, ist Part der Berlin Music Commission. Auch wenn es lebensnotwendigeres als die Clubkultur gibt- feiern verbindet und das ist ein Ansatz, der für uns alle immer relevant sein wird.