#018 – Eberhard Diepgen | Ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin

Nov 12, 2020 | Interview, Politik

Aktuelle Episode in Worten

Politiker durften wir beim HAUPTSTADTPODCAST ja schon des Öfteren als Gast begrüßen. Aber heute ist es jemand ganz besonders: Eberhard Diepgen. Warum gerade er so außergewöhnlich ist? Erfahrt ihr jetzt.

Die Themen der heutigen Folge im Überblick:

  • Und heute: Wieder ein Politiker. Aber was für einer! Ein politisches Durchhaltevermögen wie kein zweiter: Eberhard Diepgen. Welche Pros und Contras fallen ihm zu Berlin ein und warum heißt es eigentlich “Regierender Bürgermeister”? (ab Minute 0:30)
  • Kleines Throwback in die 80er. Aber nicht modetechnisch, sondern politisch. Wie war die Lage damals? Außerdem plaudert er über die zahlreichen einflussreichen Persönlichkeiten, die er während seiner Amtszeit kennenlernen durfte. Und ja, Präsidenten können sogar lustig sein. (ab Minute 6:00)
  • “Da tut sich doch was!” Die Situation kurz vor der Maueröffnung für Diepgen und wie es dazu kam (ab Minute 25:30)
  • Die Mammut-Aufgabe: zwei völlig unterschiedliche Stadtteile nach der Maueröffnung wieder zu vereinen. Emotional, technisch, in allen Hinsichten eben. (ab Minute 33:30)
  • Bonn als Hauptstadt Deutschlands? Moment, da war doch mal was… (ab Minute 50:30)
  • Alles hat ein Ende… Sogar die Amtszeit von Eberhard Diepgen. Aber den Ruhestand genießen und die Füße hochlegen? Nicht mit ihm! (ab Minute 64:00)
  • Und die finale, unabdingbare Frage aller Fragen: Wen wünscht sich Diepgen einmal im HAUPTSTADTPODCAST zu hören, bzw. zu sehen? (ab Minute 81:30)

Ein “alter Hase” in der Politik, aber in einem anderen Punkt ganz grün hinter den Ohren…

… es ist nämlich heute eine Prämiere für Herrn Diepgen: sein allererster Podcast-Auftritt! Wer rastet, der rostet (merkt euch den Ausdruck gut für später) und deshalb freuen wir uns ganz besonders, ihn bei seinem “ersten Mal” begleiten zu dürfen. Für alle, denen der Name jetzt auf Anhieb nichts sagt; Eberhard Diepgen war sage und schreibe 15 Jahre Regierender Bürgermeister Berlins- und hat somit die längste Amtszeit in der Berliner Geschichte gemeistert. Naja, und gleichzeitig auch ein Stück Berliner Geschichte mitgeschrieben.
Ganz besonders liebt er Berlin für seine Vielfalt, dass es immer noch irgendwelche Lücken gibt, die man füllen kann, durch junge Menschen, die was bewegen wollen. Punktabzug gibt’s für den momentan nicht allzu guten Ruf der Stadt in manchen Hinsichten. Nichtsdestotrotz ist und bleibt für Diepgen die Stadt unglaublich lebendig. Und darum geht’s ja.

Ein lehrreicher Ausflug in die Berliner Historie

Wir versetzen uns gemeinsam mit Herrn Diepgen zurück in die 80er Jahre Berlins. Wie war die Stadt damals? Wie waren die allgemeine Situation und Stimmung? Da Berlin dem Viermächtestatus unterlag, war die oberste Gewalt bei den Alliierten. Gesetze der BRD in Berlin mussten nochmals gesondert verabschiedet werden durch das Berliner Abgeordnetenhaus. Es gab kaum Neuerungen in Bezug auf Technik oder wirtschaftliche Möglichkeiten, Berlin war recht abgegrenzt vom restlichen Deutschland.
1987 besuchte Ronald Reagan, damaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Berlin, Diepgen lernte ihn natürlich kennen. Obwohl es teilweise massive Demonstrationen und Unruhen gegen Reagan gab, bezeichnet Diepgen ihn als Mann mit großen Visionen, der zudem keine Gelegenheit ausließ, seine Deutschkenntnisse (“Haben Sie einen Streichholz?”) unter Beweis zu stellen. In seinen 15 Jahren Amtszeit als Regierender Bürgermeister traf Diepgen aber auch auf weitere Präsidenten, wie zum Beispiel George Bush Senior oder Bill Clinton.
Ein paar Persönlichkeiten, die er traf (und auch “bespaßen” musste), gingen ihm allerdings auch “richtig auf den Keks”. Hört selbst im Podcast, wen er da meint.

Nicht alles war Disco, Party und Glitzer in den 80ern

Noch vor nicht allzu langer Zeit, also Mitte/Ende der 80er, war Berlin gar nicht so dicht bevölkert wie heute. Nur 1,5 Millionen Einwohner gab es- das sollte geändert werden, Ziel war es, die zwei Millionen zu knacken. Dass es gewisse Unruhen gab à la “Da tut sich was im Osten”, blieb Diepgen natürlich nicht verborgen. Mehrere Situationen zeigten ihm “das System wird zusammenbrechen”. Aber welches Gefühl empfand er beim Gedanken an eine eventuelle Maueröffnung? “Für mich war das die Chance, dass der Traum eines Berliners, der ja mit der Mauer groß geworden ist, dass das mal überwunden werden kann, dass es vielleicht eine Chance gibt.”

.. aber dann gabs zur Wiedervereinigung doch etwas vom Glitzer und der Party

Nach ausgelassenem Feiern am 03.Oktober 1989 wurde Diepgen kurze Zeit später nach zwei Jahren Pause wieder Regierender Bürgermeister. Ein solches Amt innezuhaben direkt nach der Wiedervereinigung erforderte so einiges an Feingefühl und Neu-Organisation. Seine Herausforderung war es, zwei quasi komplett unterschiedlich gestrickte Stadtteile zusammenzuführen. Die Lebensverhältnisse mussten angeglichen, der Lohn angepasst werden. Hinzu kam Technisches wie zum Beispiel das U-Bahn-Netz zu fusionieren. Die Kunst bestand allgemein darin: alte Substanz und alte Stärken erhalten und alles miteinander in Einklang zu bringen.
Diepgen erzählt uns auch von seinen besonders prägenden, glücklichen Momenten seiner Amtszeit, wie beispielsweise dem “Orchester der Kräne”. Was das ist? Das solltet ihr direkt von ihm persönlich im Podcast hören.

Ende der Amtszeit, und dann? Stillstand und Ruhestand?

Nicht für Diepgen! Er rät aber allen “Aussteigern”, nach Beendigung ihrer Amtszeit erstmal für zwei Jahre ins Ausland zu gehen, um abschalten zu können und nicht alles mitzubekommen. Sonst könne man gar nicht zur Ruhe kommen können, meint er. Aber, um den Satz vom Beginn nochmals aufzugreifen, “wer rastet, der rostet”, deshalb kann Diepgen auch jetzt nicht die Füße stillhalten. Er ist Vorsitzender des Trägervereins des Käthe-Kollwitz-Museums (unbedingt hingehen!), Mitglied des Union Hilfswerks und der evangelischen Akademie. Sein Motto lautet “Wenn man nichts macht, wird man schneller älter, und das muss ja nicht sein”.

Sein Leben heute. Überraschenderweise mitten im Kiez

Auch wenn er deutlich gelassener geworden ist und er nie als sehr aufbrausend wahrgenommen wurde (“Gefährlich werd ich erst, wenn ich ganz ruhig werde”- er schmunzelt), lebt er wieder in einem belebten Berliner Kiez. Tatsächlich wird er noch recht häufig erkannt und auch angesprochen “Das ist ein Ausmaß, das meine Eitelkeit befriedigt, aber auch noch nicht lästig ist.” Und wer hat nach ihm einen Platz auf dem HAUPTSTADTPODCAST-Sessel verdient? Am liebsten Thomas de Maizière. Es könnte also demnächst wieder Politik-Talk vom feinsten geben!